European Media Art Festival (EMAF)

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Kunsthalle Osnabrück, Hasemauer 1, 49074 Osnabrück

Ausstellung

Das EMAF gilt international als eines der einflussreichsten Foren für zeitgenössische Medienkunst.

In der Reihe Artist in Focus stellt das EMAF das filmische Werk namhafter zeitgenössischer Künstler*innen vor, teils auch im Dialog mit weiteren Filmen oder Beiträgen, die mit ihrem Werk in Verbindung stehen. In diesem Jahr präsentieren wir Arbeiten der im Libanon geborenen, in Berlin lebenden Künstlerin Marwa Arsanios (geboren 1978). Damit würdigen wir eine international beachtete künstlerische Praxis, in der Film und Recherche, politische Imagination und kritische Intervention eng miteinander verwoben sind.

Im Zentrum des Programms steht die seit 2017 fortlaufende, inzwischen fünfteilige filmische Serie Who Is Afraid of Ideology?. Darin begleitet Arsanios feministische Kollektive und Initiativen im irakischen Teil Kurdistans, in Syrien, im Libanon und Kolumbien, deren Einsatz für die Vergemeinschaftung und Rückgabe von Land mit ihrem Kampf um Selbstbestimmung Hand in Hand geht. In einem kontinuierlichen Prozess des Gesprächs und Austauschs portraitiert Arsanios Frauen, die in ländlichen Regionen kollektive, antikapitalistische und antipatriarchale Formen des Zusammenlebens praktizieren, die überlieferte Formen der Landnutzung gegenüber Privatisierung und kolonialer Besatzung verteidigen oder sich für die Wiederherstellung von historischem Gemeineigentum einsetzen. Die Weitergabe von Wissen, Solidarität und gegenseitige Unterstützung spielen dabei immer eine Rolle und werden auch in der filmischen Arbeit mit reflektiert.

Der aktuelle, fünfte Teil der Serie, Right of Passage (2026), entfaltet sich in der Welt des Traums. In ihr sind jene Grenzziehungen, die Eigentum und Territorium begründen, die Menschliches von Nichtmenschlichem und Vergangenes von Gegenwärtigem trennen, suspendiert. Ihre Durchlässigkeit ermöglicht die freie Passage unterschiedlicher „politischer Tiere", die Artikulation traumatischer Verluste und Bildung neuer Allianzen.

Im Dialog mit ihren eigenen Arbeiten zeigt Arsanios Filme von Simone Bitton, Mohammad Malas und Reem Shilleh, die ergänzt und erweitert werden durch Workshops, Lesungen und Gespräche mit Ali AlAdawy, Haytham el-Wardany und Stefanie Baumann. Sie orientieren sich an Fragen, die Arsanios folgendermaßen skizziert:

„Wie können wir von Filmen lernen, die aus dem Land heraus entstehen, die in Landkonflikten verwurzelt sind und selbst zu pädagogischen Objekten werden? Welche filmischen Formen erwachsen aus der Topografie eines Ortes, seiner geografischen Beschaffenheit und seinen Böden? Und wie wird das Filmset seinerseits zu einem pädagogischen Raum für diese Konflikte?"

Bereits in ihren früheren Arbeiten reflektiert Arsanios das filmische Bild und ihre eigene Verstrickung in unterschiedliche Prozesse der Bilderzeugung zwischen dokumentarischem und fiktionalem Erzählen, militantem Filmemachen und künstlerischer Intervention. In Have You Ever Killed a Bear or Becoming Jamila (2014) begegnen wir der legendären algerischen Revolutionärin Djamila Bouhired in unterschiedlichen medialen Verkörperungen. Von der ikonischen Figur Bouhired ausgehend fragt Arsanios, wie die sozialistischen Projekte und nationalen Befreiungsbewegungen der Vergangenheit feministische Projekte befördert oder marginalisiert haben. In Amateurs, Stars and Extras or Labor of Love (2018) wird das Filmset zum Ort, an dem jene unsichtbaren Formen reproduktiver Arbeit erscheinen, die dem kapitalistischen System Stabilität und Dauer verleihen. In komplex gebauten, inszenierten und dokumentarischen Szenen sprechen Frauen in Mexiko und dem Libanon von Arbeit, Freizeit und Widerstand.

Biographie Marwa Arsanios
Marwa Arsanios' Arbeit kreist um strukturelle Fragen. Sie versucht Raum innerhalb von und parallel zu bestehenden Kunststrukturen zu schaffen, der das Experimentieren mit unterschiedlichen Formen der Versammlung ermöglicht – beginnend mit architektonischen Räumen, ihrer Transformation und Anpassungsfähigkeit, bis hin zu von Künstler*innen betriebenen Räumen und temporären Zusammenkünften. In den letzten Jahren widmeten ihr u.a. das Haus für Kunst Uri (2026), die Joan Miro Foundation (2025), das Artium Museum (2025), BAK Utrecht (2024), der Heidelberger Kunstverein (2023), Mosaic Rooms, London (2022) und das Contemporary Arts Center, Cincinnati (2021) Einzelausstellungen. Sie war außerdem an zahlreichen internationalen Gruppenausstellungen beteiligt, wie jüngst der Documenta 15 (2022), der Sydney Biennial (2022), der 11th Berlin Biennale (2020) und der Gwangju Biennial (2018). Ihre Filme werden regelmäßig auch bei internationalen Filmfestivals gezeigt.

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Die Filmprogramme des EMAF 2026
Insgesamt wurden aus den Einreichungen des Open Call 30 aktuelle Kurz- und vier Langfilme ausgewählt, die in Dialog treten mit drei weiteren, historischen Filmen. Angesiedelt zwischen formalem Experiment und popkulturellem Spiel, dokumentarischem Rückblick und kritischer Gegenwartsanalyse zeigen diese Arbeiten die Wandlungsfähigkeit von Film als künstlerischem und politischem Medium.

Zahlreiche Kurzfilme setzen sich mit subversiver Energie und trotzigem Humor gegen verordnetes Schweigen und politische Ohnmacht zur Wehr. What We Said to Brussels Airlines (BE/CD 2026) des kongolesisch-belgischen Collectif Faire-Part befragt schonungslos die Widersprüche künstlerischer Auftragsarbeiten: Wie zum Beispiel umgehen mit dem Angebot einer belgischen Fluggesellschaft, die Filme des Kollektivs, die tief im antikolonialen Widerstand verwurzelt sind, auf ihren Flügen auszustrahlen? Die vier Künstler*innen lassen uns teilhaben an ihrem Nachdenken über Formen der Verstrickung und Möglichkeiten der Intervention. Alee Peoples' Slowest Smile (US 2025) verbindet Bilder und Töne, Theorie und Gesang zu einem unorthodoxen Versuch, den Niedergang eines Imperiums zu beschreiben: vom Wimmelbild kapitalistischer Ausbeutung zum Bildersturz in römischer Kulisse, vom langsamsten Lächeln zum sinkenden Schiff.

An die Stelle jener Infrastrukturen, die die scheinbare Normalität unserer Gegenwart stützen, setzen eine Reihe von Filmen gemeinsame Aktion und die informelle Weitergabe von Wissen. A Bundle of Silences (PR 2025) von Sofia Gallisá Muriente rekonstruiert einen Banküberfall aus dem Jahr 1983, bei dem eine puertoricanische revolutionäre Gruppe mehrere Milionen Dollar von einer US-amerikanischen Bank erbeutete. Der Protagonist der Aktion, Víctor Gerena, wurde bis heute nicht gefasst. In einer eigenwilligen Mischung aus persönlichen Rückblicken, Archivmaterial und mit Kaffee und Tabak entwickeltem Filmmaterial reflektiert die Arbeit über Erinnern und Schweigen. Tulapop Saenjaroen fragt in Local Sensations (TH 2026), wie wir die Gegenwart festhalten und  Vergangenes vergegenwärtigen können ohne Rückgriff auf die gewaltvolle Ordnung des Monumentalen. Der Film verwebt grafisch gestalteten Text mit Aufnahmen kollektiver Prozesse: Instabile Formen aus Glas, architektonische Skizzen, musikalische Improvation und Streifzüge im öffentlichen Raum lassen flüchtige Topografien entstehen und setzen dem Monumentalen den Moment entgegen.

Weitere Kurzfilme von: Basma Al-Sharif, Stephanie Barber, Magdalena Bermudez, Arief Budiman, Anouk Chambaz, Lin Htet Aung, Onyeka Igwe, Daniel Jacoby, Juliane Jaschnow & Stefanie Schroeder, José Jiménez, Taufiqurrahman Kifu & Hattie Wade, Vika Kirchenbauer, Martin Moolhuijsen, Zuqiang Peng, Adam Piron, Leonardo Pirondi, Marta Popivoda, Steve Reinke, María Rojas Arias, Viktoria Schmid, Mike Stoltz, Elisabeth Subrin, Maryam Tafakory, Yuliya Tsviatkova, Utkarsh und Saarlotta Virri.

In den Langfilmen begegnen wir sehr persönlichen Auseinandersetzungen mit Orten und ihrem Fortleben in unserer verkörperten und medialen Erinnerung. Ausgangspunkt für Kamal Aljafaris jüngsten Dokumentarfilm sind wiedergefundene MiniDV-Aufnahmen aus Gaza, gefilmt im Jahr 2001. Aljafari begab sich damals auf die Suche nach einem Mann, den er 1989 während der Haft kennengelernt hatte. With Hasan in Gaza (PS/DE/FR/QA 2025) dokumentiert seine Reise vom Norden in den Süden Gazas, begleitet von Hasan, einem einheimischen Reiseführer. Eine in ihrer Direktheit ebenso dringliche wie zarte Begegnung mit Menschen, die der Gewalt der Besatzung widerstehen, an Orten, die so für immer ausgelöscht sind.
In einem ganz anderen filmischen Register erzählt der animierte Langfilm Bouchra (US/IT/MA 2025) von Meriem Bennani und Orian Barki von einer jungen marokkanischen Filmemacherin, die in New York an einem autobiografischen Film arbeitet. Ihr eigenes Leben – ihre künstlerische Suche, ihre Liebesbeziehungen, das unklare Verhältnis zur Mutter nach ihrem Coming out –, verschränkt sich zusehends mit dem ihres filmischen Doubles. Bouchra bewegt sich elegant zwischen Zeiten und Orten, Selbstbefragung und Dialog, gelebter Erfahrung und ihren narrativen Verarbeitungen.

Auch in Nicolás Peredas Everything Else is Noise (MX/DE/CA 2026) vermischen sich die narrativen Ebenen. Der Film erzählt von drei zeitgenössischen Komponistinnen in Mexico City und von dem, was sie über sich selbst und über einander zu erzählen haben. Aufnahmen für ein Fernsehinterview in der Wohnung einer der Protagonistinnen setzen den Rahmen für ein Kammerspiel, in dessen Verlauf sich Zuneigung und Solidarität, Respekt und Rivalität zwischen den drei Frauen auf absurd-komische Weise überlagern, rhythmisch punktiert von Stromausfällen, einem bellenden Hund und dem Lärm der Straße.

Die unmittelbar politischen Dimensionen des Spiels mit Offenbarung und Camouflage der eigenen Person bearbeitet einer der historischen Dokumentarfilme. Underground (US 1976) von Emile de Antonio, Haskell Wexler und Mary Lampson basiert auf einem dreitägigen Interview mit führenden Mitgliedern des Weather Underground, einer militanten Gruppe, die den Umsturz der US-Regierung anstrebte. Im Wechsel mit Archivaufnahmen von revolutionären Bewegungen weltweit verbinden sich die Aussagen der Protagonist*innen – während sie der Kamera den Rücken zukehren, um ihre Identität zu schützen – zu einem differenzierten Porträt, das die massenmediale Darstellung der Gruppe widerlegt.

Weitere Langfilme von: Tenzin Phuntsog, Mohamed Soueid und Chetna Vora.

Expanded Cinema: Unburdened Recollections
Einen Blick zurück wirft auch die diesjährige Ausgabe der Expanded Cinema-Reihe Unburdened Recollections, die mit neuem Konzept fortgesetzt wird. Die Initiator*innen Anja Dornieden und Juan David González Monroy haben das Kurator*innenduo Mark Toscano und Zena Grey aus Los Angeles eingeladen, an zwei Abenden experimentelle Filme und Videos aus den 1960er und 70er Jahren zu zeigen. Ausgangspunkt ihrer Programme ist Gene Youngbloods Publikation aus dem Jahr 1970, in dem er Expanded Cinema als Kunstform beschreibt, die nicht nur den Film aus den Beschränkungen der Kinosituation befreit, sondern damit auch unsere Wahrnehmung und unser Bewusstsein erweitert.

Zu sehen sind Klassiker und Wiederentdeckungen von Arlo Acton & Terry Riley, Scott Bartlett, Jordan Belson, Tom DeWitt Ditto, Allan Kaprow, Yayoi Kusama & Jud Yalkut, Pat O'Neill, Lillian Schwartz & Ken Knowlton, John Schofill, Single Wing Turquoise Bird, Aldo Tambellini, Stan VanDerBeek & Ken Knowlton, James Whitney, John Whitney und Jud Yalkut & Nam June Paik.

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Das Festival
Das EMAF gilt international als eines der einflussreichsten Foren für zeitgenössische Medienkunst. Jedes Jahr bietet es seinen Besucher*innen in Filmprogrammen, Ausstellungen, Performances und hybriden Formaten einen Überblick über aktuelle künstlerische Produktionen. Gastkuratierte Projekte und Retrospektiven geben vertiefende Einblicke in historische Positionen und Zusammenhänge. Jährlich begegnen sich beim EMAF internationale Künstler*innen, Kurator*innen, Forscher*innen, Studierende und Film- und Kunstinteressierte.

icon-info Details

Preis Erwachsener: 6,00 €

Preis ermässigt: 4,00 €

Regulärer Eintritt: 6,00 €
Ermäßigter Eintritt: 4,00 €*
Teilnehmer:innen von Gruppen, ab 12 Personen: 5,00 €

*Ermäßigter Eintritt
Auszubildende; Schüler:innen; Studierende außerhalb von Osnabrück; Personen mit Behinderung (>70%); Teilnehmer:innen des Bundesfreiwilligendienstes; des Freiwilligen Sozialen, Ökologischen oder Kulturellen Jahres; Ortsansässige, bildende Künstler:innen; Mitglieder des IKT; Inhaber:innen der artCARD; Mitglieder des Museums- und Kunstvereins; Familienkarte (ein oder zwei Erwachsene mit Kind/Kindern bis 18 Jahre); KombiKarte (in Kombination mit dem Museumsquartier)
**Freier Eintritt
Kinder und Jugendliche bis zum vollendeten 18. Lebensjahr; Inhaber:innen der Kulturkarte; Osnabrücker Auszubildende, Schüler:innen und Studierende; Kindergartengruppen mit zwei Begleitpersonen; Pressevertreter:innen; Begleitpersonen von Personen mit Behinderung; Inhaber:innen der ICOM-Card; Mitglieder der Freund:innen der Kunsthalle

Schlechtwetterangebot
Zielgruppe Jugendliche
Zielgruppe Erwachsene
Zielgruppe Senioren

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